Enjoy the ride

Kennst du das auch? Ich nehme gerne spontan neue herausfordernde Projekte an,
weil es mich einfach begeistert. Ich freue mich richtig darauf, dazu zu lernen,
etwas Neues auszuprobieren, ein Abenteuer zu erleben – mit der Spannung, ob es
klappt oder nicht. Ich bereite mich vor und stelle mir voller Freude vor, wie
das Vorbereitete wirken wird.

Kurz vorher allerdings bekomme ich „Muffensausen“. Ich denke: „Warum habe ich mir
wieder so viel zugetraut?“ Ich zweifle daran, ob das, was ich mache, gut klappen
wird, eben weil ich kaum oder wenig Erfahrung damit habe. Und dann denke ich
„Ach, wenn das erst vorbei ist…“.

Mir ging das z.B. mal wieder so, als ich in meiner Kirchengemeinde den
musikalischen Teil zusammen mit einer lieben Bekannten gestaltet habe. Ich spiele
weder ein Instrument gut, noch bin ich es gewohnt vor einer größeren Gruppe ins
Mikro zu singen. Zwar habe ich in mehreren Chören gesungen und mehrfach Gesangs-
und Stimmbildungsunterricht gehabt, mich aber zuvor nie in dieser Art eingebracht.
Ich hatte es wirklich auf dem Herzen, etwas weiterzugeben, egal ob ich mich dabei
gut fühlen würde oder nicht.

Mir hilft immer wieder das Gebet, um Dinge loszulassen, hinzuhören und Klarheit
zu bekommen. Während so einer Gebetszeit hörte ich den Satz „Enjoy the ride“ in
meinem inneren Ohr. „Genieß es!“ Genieß den Weg, den Prozess, den Thrill, das
Ausprobieren. Vertraue, beobachte was passiert, sei mit allen Sinnen dabei und
ganz du selbst.

Dieser Satz hilft mir seitdem, den ganzen Prozess und die Herausforderung zu
genießen, anstatt darauf hinzuarbeiten, dass eine Aufgabe abgehakt wird und von
der ToDo-Liste verschwindet. Letztlich war es dann auch so: Ich habe die Situation
genossen und mich daran gefreut. Es hat mir Spaß gemacht und ich bin um eine neue
Erfahrung reicher.

Uns neuen Erfahrungen zu stellen, auch wenn uns diese erst mal aus unserer
Komfortzone bringen, ist auch aus neuropsychologischer Perspektive für unser Gehirn
gut. Jedes Mal, wenn sich unser Denkorgan angeregt mit einer ungewohnten Aufgabe
beschäftigt, entstehen (auch bei über 80-Jährigen) neue Verbindungen zwischen den
Nervenzellen.

Es konnte wiederholt festgestellt werden, dass beim Sammeln von neuen Erfahrungen
das Volumen und die Masse der grauen Nervenzellsubstanz in mehreren Gehirnregionen
zunimmt, z.B. in der Area MT, die für die Verbindung visuell-räumlicher und
motorischer Leistungen zuständig ist, im Hippocampus und im Bereich des Nucleus
accumbens, welcher Teil des Belohnungssystems ist und uns angenehme Gefühle
verschafft.

Wann immer wir eine neue Fähigkeit einüben, verändern sich unsere Nervenzellen.
Die entsprechenden Areale im Gehirn passen sich an die neuen Anforderungen an und
schon nach wenigen Stunden oder Tagen entstehen zwischen den Neuronen neue
Zellfortsätze, die Kontakte zu anderen Zellen aufnehmen und dort neue Synapsen
ausbilden.

Im Verlauf von Wochen und Monaten wird die Signalübertragung immer effektiver – und
das Netz jener Neurone, die für die neu erworbene Fähigkeit zuständig sind, verzweigt
sich mehr und mehr. Zusätzlich werden die beteiligten Nervenzellfortsätze mit einer
besonderen Isoliersubtanz ummantelt, wodurch sich die Leitungsfähigkeit der beteiligten
Nervenzellfortsätze verbessert.

Darüber hinaus bilden sich winzige Blutgefäße und Stützgewebe, die die Versorgung der
Nervenzellen verbessern. Die beste Stimulation des Gehirns wird dabei erreicht, wenn wir
etwas forderndes Lernen, bei dem wir uns aus unserer Komfortzone hinausbewegen. Durch
Interesse für und Ausprobieren von Neuem können wir das Altern des Gehirns wirksam
aufhalten.


Reflexionsfragen

  • Wo gehst du gerade durch eine fordernde Situation, die du am liebsten möglichst schnell
    hinter dir haben würdest? – Wie kannst du deine Situation vor dem Hintergrund des
    Gelesenen neu zu bewerten?
  • Was möchtest du als nächstes ausprobieren?
  • Welcher Herausforderung möchtest du dich stellen?

Quellen

  1. Behforuzi, H., Feng, N. C., Billig, A. R., Ryan, E., Tusch, E. S., Holcomb, P. J.,
    Mohammed, A. H. & Daffner, K. R. (2019).
    Markers of Novelty Processing in Older Adults Are Stable and Reliable.
    Frontiers in Aging Neuroscience, 11, Art. 165.
    doi:10.3389/fnagi.2019.00165
  2. Coors, A., Lee, S., Habeck, C. & Stern, Y. (2024).
    Personality traits and cognitive reserve – High openness benefits cognition in the presence
    of age-related brain changes.
    Neurobiology of Aging, 137, 38–46.
    https://doi.org/10.1016/j.neurobiolaging.2024.02.009
  3. Rankin, J. A., et al. (2023).
    The neurobiology of openness as a personality trait.
    Frontiers in Neurology, 14, 1235345.
    https://doi.org/10.3389/fneur.2023.1235345
  4. Sakaki, M., Yagi, A. & Murayama, K. (2018).
    Curiosity in old age: A possible key to achieving adaptive aging.
    Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 88, 106–116.
    https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2018.03.007